Warum wir wieder lesen sollten

Bücher sind für mich weitaus mehr als ein paar bedruckte Seiten, die mit einem Umschlag zusammengehalten werden. Bücher haben eine Seele und nehmen uns mit in eine andere Welt, wie es kein Film jemals schaffen könnte. Wenn man sich völlig dem Lesen hingibt, verschwindet man für einen kleinen Augenblick aus dem Alltag und landet zwischen den weißen Seiten eines neuen Abenteuers. Es gibt kaum einen schöneren Geruch als den von einer frisch gedruckten gebundenen Ausgabe. Kaum schöneres, als diesen erfurchtsvollen, stillen Moment kurz bevor man eine neue Geschichte beginnt. Wenn die Finger zum ersten Mal über die Seiten streichen und man gespannt die ersten Worte verschlingt.

Manchmal braucht es nicht viele Seiten und es ist um einen geschehen. Dann ist es eine kleine Liebe. Dann mag man sich gar nicht mehr trennen, weil man die Geschichte weitererleben will. Wissen will, was als nächstes passiert. Weil man bangt oder lacht oder weint und doch nie die Hoffnung verliert auf ein Happy End. Warum sind wir bei Büchern eigentlich immer so viel positiver als beim eigenen Leben? Egal wie schlecht es um den Protagonisten steht, wir glauben stets an das Gute. Hoffen mit ihm. Glauben an die Wendung im letzten Kapitel, auch wenn bis zuletzt alle Hoffnung verloren scheint.

Buecher-lesen-wunderlieblich

Wir haben jede Sekunde genutzt

Als Kind war mein größtes Glück immer die Zeit der Sommerferien, wenn es für drei Wochen mit meiner Familie, inklusive Cousine, an die Nordsee ging und der Koffer vollgepackt war mit Büchern. Wir haben jede Sekunde genutzt um zu lesen. Wenn andere Kinder im Restaurant quengelig wurden, weil das essen zu lange gedauert hat, haben wir still dagesessen und gelesen. Wenn wir am Strand im Sand gegraben haben, haben wir uns häufig auch nur eine Kuhle gebaut, um noch bequemer mit unseren Büchern in den Händen zu liegen. Nach dem Frühstück wurde gelesen, abends im Bett wurde noch gelesen, wenn man unterwegs Wartezeit hatte wurde gelesen.

Wir haben häufig Bücher getauscht und zur Zeit der Harry Potter Neuerscheinungen sogar parallel gelesen. Dummerweise war meine Cousine schon immer viel schneller beim Lesen als ich. Leider aber auch genauso emotional. Sie war quasi mein Frühwarnsystem was rührende Stellen in Büchern angeht.  Aber das war okay. Sowas kann einem zum Glück nicht die Lust an der Geschichte verderben. Und die Lust war riesig. Wenn wir nicht gerade lasen, erzählten wir uns gerne von den Geschichten in unseren Büchern. Dann war man ein stückweit zeitgleich in zwei Büchern unterwegs. Auch das war schön.

Genießen, was das Offline-Leben zu bieten hat

Gibt es eigentlich heute noch Kinder die so eine Liebe zu Büchern entwickeln? Gibt es überhaupt noch welche, die in Zügen andächtig in einer Geschichte blättern und sich lange genug konzentrieren können die Worte vernünftig aufzunehmen? Oder spielen Sie lieber mit ihrem Smartphone oder sehen sich YouTube-Videos an? Und was ist mit uns? Mit uns Erwachsenen. Mit der Smartphone-Generation, die eine analoge Kindheit hatte und die dann plötzlich von einer digitalen Welt umgeben war. Haben wir verlernt zu lesen?

Können wir uns überhaupt noch auf Geschichten einlassen, die mehr Zeit als fünf Minuten in Anspruch nehmen? Können wir es uns überhaupt noch leisten einen Abend lang zu verschwinden? Das Handy wegzulegen, den Fernseher auszuschalten, den Laptop zuzuklappen. Einfach mal unerreichbar zu sein und dem Gehirn andere Reize geben. Bessere Reize. Dieses Glück namens Fantasie.

Warum nicht einfach mal verrückt sein und unerreichbar. Genießen, was das Offline-Leben zu bieten hat. In neue Geschichten eintauchen und neue Weltansichten bekommen. Mal neu denken und selber Welten entstehen lassen. In unseren Köpfen, mit der eigenen Fantasie. Weil es gut tut. Weil es schlauer macht. Und entspannt. Und nicht zuletzt unsere Konzentration wieder auf ein gutes Level bringt.

Vielleicht bräuchte ich ein Date

Manchmal erwische ich mich dabei, dass mir selbst ein kleiner Newsartikel schon zu lang ist. Dass ich durch meinen Facebook-Feed scrolle und nur Headlines lese, obwohl mich die Themen dahinter interessieren. Dass ich Angst habe nicht hinterherzukommen bei all den Neuigkeiten. Ich erwische mich bei dem Vorsatz eine Stunde früher ins Bett zu gehen um Lesen zu können nur um dann anschließend eine halbe Stunde lang am Smartphone gehangen zu haben. Mit müden Augen habe ich dann nicht mehr genug Kraft „jetzt noch“ das Buch in die Hand zu nehmen. Sogar Zeitschriften stapeln sich mittlerweile bei mir. Magazine mit spannenden Themen, die ich liebend gerne verschlingen möchte. Aber ich habe keine Zeit. Ich nehme mir keine Zeit. Ich habe Angst, Zeit zu verschwenden, wichtige Dinge nicht gut genug erledigt zu haben. Mich für die falsche Freizeitgestaltung entschieden zu haben.

Es ist absurd und vollkommen bescheuert. Das weiß ich selber. Trotzdem kann ich mir nicht selber entkommen. Vielleicht bräuchte ich ein Date. Ein Date mit dem Lesen. Und vielleicht ein abendliches Ritual. Dass das Smartphone ab einer bestimmten Uhrzeit in den Flugmodus kommt und bleibt. Vielleicht ist das ein erster Anstoß für neue Gewohnheiten. Bessere Gewohnheiten. Vielleicht würde uns allen das gut tun.

Wir würden unsere Augen erholen, unsere Kreativität schulen, unseren Geist fordern. Es würde uns entspannen und uns neue Eindrücke vermitteln. Ich bin der Überzeugung, wenn wir alle mehr lesen würden, anstatt am Computer zu spielen oder mit dem Smartphone zu surfen, gäbe es weniger böses Blut auf der Welt. Ja, das ist vielleicht weit hergeholt und kommt natürlich auch darauf, was man liest. Aber lesen macht uns zu besseren Menschen, da bin ich mir sicher. Und gleich heute Abend werde ich es mir in meinem Ohrensessel gemütlich machen und lesen. An meiner Fantasie arbeiten. Vielleicht ein bisschen lachen, mich unter meine Decke kuscheln und der Welt entfliehen. Für einen Moment bin ich dann Lucy  Silchester und habe ein Date mit meinem Leben. Ich hoffe es wird gut ausgehen…

Alles Liebe,
eure Anni

 

2 Comments
Doreen
5. Februar 2017 um 23:20
Bei uns gibt's jetzt in der Wohnung eine Smartphone freie Zone. So wird die Leseecke mit Büchern auch häufiger genutzt. 😊
    Anni
    5. Februar 2017 um 23:22
    Sehr gute Idee, das merk ich mir :-)

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