Alleine sein – warum wir es manchmal wagen sollten

Wenn man als Einzelkind aufwächst, hat man viele Gelegenheiten sich von klein auf selbst zu beschäftigen. Spielpartner muss man sich erst suchen, weil zuhause kein Geschwisterchen darauf wartet mit einem Verstecken zu spielen. Zum Glück für meine Eltern gehörte ich zu den Kindern, die sich gut selbst beschäftigen können. Es geht mir heute noch so, dass ich es genieße mal einige Stunden nur für mich zu sein. Langweilig wird mir da nie, ich habe viel mehr Schwierigkeiten mich für eine Beschäftigung zu entscheiden.

Oft haben wir aber regelrecht Panik vor dem Alleinsein, vor allem in der Öffentlichkeit. Die Vorstellung alleine im Restaurant zu essen, ins Kino zu gehen oder gar zu verreisen, macht uns Angst. Für alles haben wir einen Partner in Crime. Freundinnen für Unternehmungen, Sportdates oder Urlaube. Warum ist das so?

Ich habe im Leben oft gemerkt, dass es sogar gut tut gewisse Dinge alleine zu machen, bzw. auszuprobieren. Weil es einen stärkt und man ein Stückchen die Furcht verliert. Ich war mal mehr oder weniger mutig und habe meinen Schutzkreis durchbrochen um mich etwas zu trauen. Das habe ich nie bereut. Vielleicht muss man das einfach öfter mal wagen.

einfach alleine sein
By Janna Wichert Fotografie

 

Feuerprobe

Während andere mit 17 oder 18 in der Schulzeit ihren Führerschein im Kreise ihrer Freundinnen gemacht haben und zusammen für die Prüfung büffelten, war der Führerschein für mich immer weit weg. Meine Eltern haben nie einen Führerschein gemacht und so bin ich ohne Familienauto aufgewachsen. Autofahren war für mich immer etwas Besonderes und inmitten Hamburgs tatsächlich ja meist mehr Ärgernis als Vergnügen. 
Ich hatte außerdem immer wahnsinnigen Respekt vor dem Hamburger Verkehr und weil es nicht nötig war ein Auto fahren zu lernen, habe ich den Absprung damals nicht genommen.

Mit 24 dann, seit kurzem erst als Junior Art Direktorin in einer kleinen Werbeagentur beschäftigt, habe ich plötzlich immer mehr Lust dazu bekommen Auto fahren zu lernen. Ich wollte unabhängig sein, bei Notfällen fahren können und vor allem das Gefühl erleben selber Auto zu fahren. Und dann war da noch der Firmen-Mini. Mein absolutes Lieblingsauto und durch die Agentur in so greifbarer Nähe, dass der Wunsch immer größer wurde.

Ich habe mir dann kurzerhand einfach eine passende Fahrschule gesucht. Eine für Frauen, weil ich einfach schon zu viele doofe Geschichten hören musste und die Hoffnung hatte, man könnte meine Angst dort besser verstehen. Das Problem war nur, ich musste da ganz alleine durch. Meine Lösung: einfach machen! Das Ergebnis: ein Führerschein.

Es sind die kleinen Dinge…

Auch alleine zu reisen, kann ich euch ans Herz legen. Ich war zwar selber bisher noch nie ganz alleine im Urlaub. Aber ich bin alleine geflogen, Zug gefahren und habe alleine in einem Hotel übernachtet. Damit bin ich natürlich keine Expertin, aber ich kann euch sagen, auch so ein Kleinkram macht einen Mutiger. So albern es für manche bestimmt klingen mag. Die Schüchternen und Schisserchen unter euch können mich sicherlich verstehen.

Ein kleiner Push für den Mut ist es auch regelmäßig neue Kurse zu testen und dort alleine hinzugehen. Sei es ein Sprachkurs oder Yoga-Unterricht auf einer Dachterasse. Ich probiere gerne aus, auch wenn ich mich dabei regelmäßig zum Affen mache, weil ich die Umkleide nicht finde oder die falsche Kurstür öffne. Es hat auch Vorteile, dass einen keiner kennt. 😉

Auch meine ersten Tanzkurse habe ich zum Beispiel im Alter von 14 Jahren komplett alleine absolviert. Und das als Schüchternheit in Person. Tanzen mit fremden Jungs. Aber ja, es hat geklappt. Es hat Spaß gemacht und mich mutiger gemacht. Und hat am Ende ja nur in dem Moment so richtig Überwindung gekostet.

einfach alleine sein
By Janna Wichert Fotografie

 

Ganz alleine?

Ich bin ein Beziehungsmensch und genieße es einen Partner an meiner Seite zu haben, der mein Fallback und Ansprechpartner in allen Lagen ist. Ich habe nie alleine gewohnt. Erst lange bei meiner Familie, dann mit meinem Freund zusammen. Ich hatte also den Luxus immer jemanden um mich zu haben, der mir hilft und den ich um Rat fragen kann.

Eine Freundin von mir war bisher in ähnlichen Situationen, bis dann vor einer Weile ihre Beziehung auseinander ging und sie plötzlich vor der Aufgabe stand alleine zu wohnen. Sie hatte unheimliche Angst davor und sah sich nicht in der Lage alles alleine zu schaffen. Da habe ich ihr viel Mut zugeredet und ihr vor Augen geführt, dass sie das sehr wohl schaffen wird. Und dass sie auch nicht wirklich alleine ist. Klar, habe ich gut reden und kann mir nur vorstellen, wie es mir an ihrer Stelle ginge. Aber ich weiß ganz sicher, dass es gut ist zu wissen, was man selber alles kann. Alleine. Ohne Hilfe. Ohne Fallback. Nur auf sich gestellt. Weil man dann neue Situationen immer leichter meistern wird.

Mittlerweile ist sie in ihr neues Zuhause gezogen und fühlt sich pudelwohl. Hat alles gemeistert und jetzt ihre eigenen vier Wände. So stolz habe ich sie noch nie gesehen und es beweist mir auch hier, dass es wichtig ist manchmal aus der Komfortzone zu treten oder geschmissen zu werden, nur um dann festzustellen, dass alleine sein gar nicht schlimm ist. Dass man mehr kann als man denkt.

Nur Mut

Schließlich sind wir ja auch nie wirklich allein. Freunde und Familie sind ja bei Bedarf für uns da. Nur gerade als schüchterner Mensch versteckt man sich gerne hinter anderen, taucht in der Menge unter und lässt sich leicht verunsichern. Unnötigerweise.

Denn um auch in schwierigen Situationen nicht den Mut zu verlieren, ist es so wichtig, dass wir wissen, was wir so können. Damit wir wissen, dass wir alleine genug Kraft haben. Damit wir auch mal ganz eigene Erfahrungen sammeln können, die nur uns gehören. Unser Leben ist wertvoll und schön und das nicht erst durch die Menschen um uns herum. Auch wenn natürlich klar ist, dass die richtigen diesen Weg verdammt toll machen können. Aber auch mal alleine sein, heißt ja nicht andere auszusperren. Nein, sie werden willkommen geheißen. Vielleicht sogar mehr denn je…

Habt ihr auch gute Erfahrungen alleine gesammelt? Wenn ja, welche denn? Hinterlasst mir gerne eure Geschichten in den Kommentaren. 🙂

Alles Liebe,
eure Anni

 

P.S.: Lieben Dank an Janna Wichert für die fantastischen Bilder!

2 Comments
Toni
7. Mai 2017 um 14:31
Ohhhh wieder einmal so toll geschrieben! Ich habe da gerade erst letztens mit einer Freundin darüber geredet, wie unsinnig es eigentlich ist viele Dinge nicht allein tun zu wollen. Ich habe da bei einigen Dingen auch eine innere Sperre, besonders bei Kino- oder Restaurantbesuchen. Es ist einfach nur albern, aber ich denke mir dann immer das die Leute denken müssen warum ich denn allein hier bin; ob ich keine Freunde habe. Das ist totaler Blödsinn, in Wirklichkeit würde niemand wahrscheinlich auch nur einen Gedanken daran verschwenden, aber da ist man doch so von Gesellschaftsnormen geprägt. Genau deswegen mache ich meinen London-Trip nächsten Monat auch ganz alleine, und ich freue mich unglaublich darauf ein Stückchen mutiger zu sein. :)
    Anni
    7. Mai 2017 um 19:12
    Danke dir! Ja, manchmal steht man sich einfach selbst im Weg ;-) Und das mit London ist super, du wirst es bestimmt nicht bereuen! Ich bin gespannt, was du berichtest.

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